Diese Seite drucken

Nibelungenlied und Siegfriedbrunnen

Erste Seite der Handschrift C des Nibelungenlieds
Erste Seite der Handschrift C des Nibelungenlieds
Die Nibelungensage besteht aus miteinander verwobenen und mündlich überlieferten nordisch-germanischen Sagen und ist an geschichtliche Ereignisse und Personen aus der Zeit der Völkerwanderung, nämlich den Untergang des Burgunderreiches (um Worms 413 – 436 n. C.) angelehnt. Zwischen 1180 und 1200 n. C., der Blütezeit der mittelhochdeutschen Literatur, wurde sie erstmals als das sogenannte Nibelungenlied (auch „Der Nibelungen Leid“) in epischer vierzeiliger Form niedergeschrieben.
Im Nibelungenlied wird die Sage um den Helden Siegfried aufgegriffen, der, nachdem er einen Drachen erschlagen hatte, in dessen Blut badete und dadurch, bis auf einer Stelle an der Schulter, auf der ein Lindenblatt lag, unverwundbar wurde. Auf einem arrangierten Wettlauf zu einer Quelle, an der sich Siegfried zum Trinken niederbeugte, stieß ihm sein Widersacher Hagen von Tronje rücklings einen Speer in die einzige verwundbare Stelle seines Körpers, woraufhin Siegfried starb.
Im Nibelungenlied finden sich einige Hinweise darauf, dass die Quelle (auch Brunnen), an der Siegfried beim Trinken ermordet wurde, ein um 1200 existierender realer Ort hier auf dem Gebiet des Kreises Bergstraße sein könnte. Mehrere Gemeinden beanspruchen für sich, dass sich in ihrer Gemarkung die echte Siegfriedquelle befindet.

 

Ermordnung Siegfrieds aus der Handschrift K des Nibelungenlieds
Ermordnung Siegfrieds aus der Handschrift K des Nibelungenlieds

Die stärkste Position in der Diskussion um den echten Siegfriedbrunnen nimmt heute die Stadt Heppenheim ein. Im Nibelungenlied heißt es, dass „… vor dem Odenwalde ein Dorf liegt, Odenheim. Dort fließt noch die Quelle…“. Die Jagd sollte „auf einem Werder breit“ stattfinden in Sichtweite der Berge. Siegfried hängte an der Quelle seinen „Ger an einen Lindenast“. Heppenheim liegt vor und nicht wie ein Teil der anderen Gemeinden im Odenwald. Otenhaim war um 1200 ein herrschaftlicher Hof von Uta von Calw, die aus ihrem Witwenerbe eine Außenstelle des Lorscher Klosters gründete, und ein nahegelegenes gleichnamiges Dorf, welches im Mittelalter unterging. Dieses Dorf lag im heutigen Lorscher Ortsteil Seehof, der ungefähr 3 km vom Heppenheimer Siegfriedbrunnen entfernt ist. Otenhaim wird auf die Ortsbezeichnungen des herrschaftlichen Landguts Uotenheim, Utenheim und Ottenheim zurückgeführt. In der Handschrift C, der zwar ursprünglich ältesten aber jüngeren überarbeiteten Textfassung des Nibelungenliedes, wird sogar direkt auf die Gründung der Nebenstelle des Klosters Lorsch durch Uta von Calw Bezug genommen. In den anderen Handschriften ist nicht vom Odenwald sondern von der Jagd von Worms aus über den Rhein in den Wasgenwald die Rede. „Wasen“ bedeutet feuchte Wiesen, also wird hier von einem auenartigen Wald gesprochen. Diese Bezeichnung aber auch der Hinweis auf einen „Werder“ würde auf das Weschnitzgebiet zwischen Rhein und Odenwald in den vergangenen Jahrhunderten passen. Eine weitere Ortsangabe im Nibelungenlied ist die „Spehtsharte“, wohin Hagen den Wein bringen ließ, damit er weit genug weg von der Jagdgesellschaft war und Siegfried nach dem Wettlauf zur Quelle dort seinen Durst stillen musste und Hagen dadurch die Gelegenheit hatte, Siegfried zu ermorden. Die Spehtsharte wird mit dem Spissert in Verbindung gebracht, ein bewaldetes Flurstück auf dem Gebiet der Gemeinde Viernheim, in der Nähe von Hüttenfeld, das etwa 7 km vom Heppenheimer Siegfriedbrunnen entfernt ist. Im Nibelungenlied heißt es, dass Siegfrieds Leichnam über Nacht nach Worms gebracht wurde und die Gesellschaft bis zur Frühmesse dort ankam. Von allen angeblichen Siegfriedquellen passen bei der Heppenheimer Quelle die Entfernungsverhältnisse am besten, so dass die Jagdgesellschaft zu Pferd wegen des Leichnams langsam reitend und mit Rheinüberquerung einen guten Tagesritt gebraucht haben muss.

 

All diese Punkte werden von Walter Hansen in seinem 1987 veröffentlichten Buch „Die Spuren des Sängers“ dahingehend interpretiert, dass er den Heppenheimer Siegfriedbrunnen als den Ort ansieht, der „gerade am meisten der Mordstelle entspricht, wie sie der Dichter im Nibelungenlied beschreibt“.

 

Der Heppenheimer Brunnen hieß ursprünglich Lindenbrunnen und war auch immer von einer bestimmten Anzahl Linden umsäumt. Erst nachdem der Darmstädter Archivdirektor Julius Reinhard Dietrich in den 1920er Jahren durch seine Nachforschungen den Lindenbrunnen als möglichen Siegfriedbrunnen identifizierte, wurde dieser 1931 durch den Beschluss des Heppenheimer Stadtrates in Siegfriedbrunnen umbenannt. Daraufhin wurde ein Teil der Umrandung eines anderen Brunnens als Umrandung für den Siegfriedbrunnen nach dort versetzt und schließlich 1955 mit einem extra hierfür geschmiedeten Eisengitter abgedeckt. Der Brunnen wurde von einer Riedquelle gespeist, die aus versickerten Odenwaldbächen genährt wurde. Aufgrund des Grundwasserabfalls nach der Trockenlegung der Heppenheimer Westgemarkung und der Regulierung der Weschnitz nach dem Zweiten Weltkrieg versiegte die Quelle. Durch die bauliche Erweiterung der Stadt Heppenheim wurde der Siegfriedbrunnen mittlerweile vom Industrie- und Gewerbegebiet eingeholt und bildet eine kleine grüne historische Insel zwischen Hochhäusern, Industrieflächen und Einkaufsmärkten.

 

Neben einem weiteren Siegfriedbrunnen am Felsenmeer in Lautertal-Reichenbach, liegt auch in Grasellenbach eine Quelle auf dem Spessartskopf, die den Anspruch der richtigen Lokalität des Meuchelmordes an Siegfried erhebt. Beide liegen auf dem Wegverlauf des Nibelungensteigs.


Der Siegfriedbrunnen in Heppenheim damals
Der Siegfriedbrunnen in Heppenheim damals
Der Siegfriedbrunnen in Heppenheim heute
Der Siegfriedbrunnen in Heppenheim heute