Kreis Bergstraße (kb). Viele verbinden mit der Geburt eines Kindes vor allem Glück und Erfüllung. Dieses gesellschaftliche Ideal kann jedoch bei frischgebackenen Eltern auch erheblichen Druck erzeugen. Denn die Realität ist oft komplexer: Mindestens jede zehnte Frau erlebt rund um die Geburt psychische Belastungen, die deutlich über den sogenannten „Baby-Blues“ hinausgehen. Um Fachkräfte für dieses schwierige Thema zu sensibilisieren und zu stärken, lud die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach zusammen mit dem Fachdienst des Kreises Bergstraße „Frühe Hilfen“ zu einem hochkarätig besetzten Fachtag ein.
„Psychische Krisen sind nach wie vor stark tabuisiert und schambehaftet. Deshalb ist es wichtig, Fachkräfte mit den richtigen Mitteln auszustatten, um angemessen damit umgehen und bedarfsgerechte Hilfe leisten zu können. Sie sind die Seismografen in den Familien. Oft sind sie die Ersten, die wahrnehmen, wenn ein Lächeln nur aufgesetzt ist oder die Erschöpfung ein gesundes Maß übersteigt“, so die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach.
Rund 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – darunter Gesundheitsfachkräfte, Hebammen sowie Netzwerkpartnerinnen und -partner – kamen zusammen, um sich über peripartale psychische Erkrankungen auszutauschen. Im Zentrum des Fachtags stand die Frage, wie die präventive Arbeit der Frühen Hilfen optimal mit spezialisierten therapeutischen Angeboten verzahnt werden kann. Die Teilnehmenden erhielten wertvolle Impulse zur Früherkennung beziehungsweise Identifikation leiser Signale jenseits von Klischees, zur wertfreien und entlastenden Kommunikation in psychischen Notlagen sowie zur Netzwerkarbeit. Zudem ging es darum zu erkennen, wo die Begleitung durch die Frühen Hilfen endet und wo klinische oder therapeutische Hilfe beginnen sollte.
Melanie Weimer, Diplom-Pädagogin und systemische Beraterin, die unter anderem für den Verein Schatten & Licht e. V. tätig ist, beleuchtete zudem das breite Spektrum der Erkrankungen: von postpartalen Depressionen über Angst- und Zwangsstörungen bis hin zur seltenen, aber schweren peripartalen Psychose. Besonders wichtig war Weimer die Differenzierung: Während der „Baby-Blues“ als kurzzeitiges Stimmungstief bei bis zu 80 Prozent der Mütter auftritt und meist von selbst abklingt, erfordern tiefergehende Krisen professionelle Hilfe. „Psychische Krisen sind keine Seltenheit und kein Zeichen von Versagen, sondern eine Reaktion auf massive körperliche und seelische Umstellungsprozesse“, so Weimer. Ein oft übersehener Aspekt: Auch Väter können an peripartalen Depressionen erkranken.
Der Fachnachmittag machte deutlich, dass eine frühzeitige Diagnose entscheidend ist, um eine Chronifizierung der Erkrankungen zu verhindern. Durch den Einsatz von Screening-Methoden und eine enge Begleitung durch Hebammen und Fachkräfte kann vielen Familien rechtzeitig geholfen werden.
„Dass Sie dieses Thema so proaktiv auf die Agenda setzen, zeigt, wie qualitätsbewusst unser Netzwerk arbeitet. Ihre Arbeit macht den Unterschied – für die Eltern und vor allem für die Kleinsten in unserer Gesellschaft“, dankte die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach abschließend.

