Zeitungsstapel vor hellem Hintergrund

Lebensraum Streuobstwiese: Vielfalt bewahren, Zukunft sichern


Kreis Bergstraße (kb). Wie steht es um die Bergsträßer Streuobstwiesen? Mit welchen Chancen und Herausforderungen sehen sich die Besitzer dieser konfrontiert? Und was macht Streuobstwiesen eigentlich so besonders? Dazu machte sich Landrat Christian Engelhardt anlässlich des Europäischen Tags der Streuobstwiesen am 24. April selbst vor Ort ein Bild und tauschte sich dabei mit Expertinnen und Experten des Landschaftspflegeverbandes Bergstraße (LPV), der Streuobstwiesenretter, des Vereins Genial Regional und des Kreisverbands Bergstraße zur Förderung des Obstbaus, der Garten und Landschaftspflege (KOGL) aus.

„Die Streuobstwiesen prägen das Landschaftsbild im Kreis Bergstraße seit Jahrhunderten und sind Teil unserer Kulturlandschaft. Auf kleinstem Raum bieten sie unzähligen verschiedenen Vogel-, Insekten- und Tierarten wertvollen Lebensraum. Gleichzeitig sind sie auch für uns Menschen wertvolle Rückzugmöglichkeiten, denn der Schatten der Obstbäume und die grüne Umgebung bieten auch an heißen Tagen einen kühleren Erholungsort mit angenehmem Mikroklima. Darüber hinaus hat man so auch immer leckeres, regionales und saisonales Obst. Diese Streuobstwiese hier ist das beste Beispiel dafür“, hob Landrat Christian Engelhardt hervor.

Landrat Christian Engelhardt streichelt die Zwergschafe von Beate Weis, die auf der Streuobstwiese leben und diese „mähen“.
Landrat Christian Engelhardt beeindruckten die Zwergschafe von Beate Weis, die auf der Streuobstwiese leben und diese „mähen“.

„Hier“, das war die Streuobstwiese von Beate Weis, der Zweiten Vorsitzenden des Vereins Genial Regional. Sie liegt direkt am alten Mühlenweg am Heppenheimer Schlossberg. Luftlinie sind es noch nicht einmal einhundert Meter bis zur Heppenheimer Siegfriedstraße. Aber hinter den Wohnhäusern im idyllischen Grün hört und sieht man die Autos kaum noch. Auf der Hangwiese stehen alte Streuobstbäume, unter denen Zwergschafe weiden und die Wiese „mähen“. Eine Benjeshecke und mehrere alte Baumstümpfe ehemaliger Obstbäume bieten zahlreichen Vögeln und Insekten Lebensraum. „Totholz bedeutet auf Streuobstwiesen immer Leben! So ein abgestorbener Obstbaum zieht nicht nur zahlreiche Insekten an, sondern auch viele einheimische Vögel, die selten geworden sind und die Stümpfe als Nistplätze nutzen“, erklärte Beate Weis.

Was man hier jedoch nicht direkt ahnt: Die Bergsträßer Streuobstwiesen stehen vor großen Herausforderungen. Der Klimawandel setzt der Flora und Fauna mit immer höheren Temperaturen bei gleichzeitig weniger Niederschlägen zu. „Das letzte Jahr war niederschlagstechnisch zwar in Ordnung, aber die Jahre davor und auch dieses Frühjahr waren viel zu trocken und zu warm“, betonte Florian Schumacher, der nicht nur Streuobstwiesenretter, sondern auch der stellvertretende Vorsitzende des Landschaftspflegeverbandes ist. „Die Bäume bekommen nicht genug Wasser und sind dadurch für Schädlinge gefährdeter.“

Landrat Christian Engelhardt tauscht sich gemeinsam mit Thomas Brecht vom KOGL Kreis Bergstraße, Florian Schumacher von den Streuobstwiesenrettern und Beate Weis vom Verein Genial Regional über die Bergsträßer Streuobstwiesen aus.
Landrat Christian Engelhardt (2.v.r.) tauschte sich gemeinsam mit (v.l.n.r.) Thomas Brecht vom KOGL Kreis Bergstraße, Florian Schumacher von den Streuobstwiesenrettern und Beate Weis vom Verein Genial Regional über die Bergsträßer Streuobstwiesen aus.

Doch auch der demografische Wandel setzt den Streuobstwiesen zu. Viele ältere Menschen, die noch im Besitz von Streuobstwiesen sind, können diese nicht mehr selbst pflegen, wollen sie jedoch gleichzeitig auch nicht hergeben. So verwildern diese und die Bäume dort können durch die fehlende Pflege kaputt gehen. „Es gibt zudem viele junge Menschen und Familien, die gerne eine Streuobstwiese hätten, aber einfach kein geeignetes Grundstück dafür finden“, so Florian Schumacher. Es habe vor ein paar Jahren zwar den Versuch einer Streuobstwiesenbörse gegeben, damit Besitzer und Interessenten zusammenfinden, allerdings blieb der große Erfolg aus.

Wenn junge Interessenten dann glücklicherweise doch einmal ein geeignetes Stück Land finden und dort enthusiastisch ihre Streuobstwiese aufbauen, kommt jedoch viel zu schnell die Ernüchterung. „Viele unterschätzen die Arbeit, die eine Streuobstwiese macht“, weiß Thomas Brecht, Vorsitzender des KOGL. „Gerade in den ersten fünf Jahren müssen die Obstbäume intensiv gepflegt werden, damit sie gesund wachsen und später gut Obst tragen können. Zwei Obstbaumschnitte pro Jahr sind da keine Seltenheit. Das kostet aber Zeit – vor allem, wenn man sich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt hat.“

Junge Streuobstwiesenbesitzer müssen deswegen jedoch nicht aufgeben: Der LPV und der KOGL stehen ihnen bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite. Und auch die geplante Neuauflage der Streuobstwiesenstrategie des Hessischen Landwirtschaftsministeriums gibt Grund zu hoffen.

Das Obst von Streuobstwiesen ist nicht nur für junge Familien interessant, die sich saisonal, regional und gesundheitsbewusst ernähren wollen, sondern auch für Allergikerinnen und Allergiker. Insbesondere bei Äpfeln sind die alten Sorten oft besonders verträglich, da sie im Gegensatz zu den Supermarktsorten meist kein Erbgut der Sorte „Golden Delicious“ enthalten. Eine Sorte die mit allergischen Reaktionen auf Äpfel häufig in Zusammenhang steht.

Um heimisches Streuobst mit seinen Vorteilen und Chancen bekannter zu machen und die Bergsträßerinnen und Bergsträßer hierfür zu begeistern, ist geplant, dass der Kreis Bergstraße gemeinsam mit den Streuobstwiesenexpertinnen und -experten eine Veranstaltungsreihe konzipiert und durchführt.

„Die Streuobstwiesen sind ein spannender Teil unserer Kulturlandschaft, die es zu erhalten und zu fördern gilt. Engagierte Menschen wie Beate Weis, Florian Schumacher und Thomas Brecht halten diese am Leben und sorgen dafür, dass unsere Region in all ihrer landschaftlichen Vielfalt lebens- und liebenswert bleibt“, so Landrat Engelhardt abschließend.